Träume von Südkärnten, Handke und Klöstern gegen die Herbstdepression

Träume von Südkärnten, Handke und Klöstern gegen die Herbstdepression
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Immer wenn der Winter naht, die Bäume ihren Schmuck lassen, die Grade sich im Nichts verlieren und die Berge ein weißes Häubchen aufgesetzt bekommen, entreißt mich die Melancholie der Realität, bohrt tief in meinen Kopf, mit kleinen Widerhacken an allen Seiten und entführt meine Gedanken an Orte die ich das Jahr über längst vergessen habe. Mich zieht es dann regelmäßig nach draußen. Rein in die Natur. Weg von den Menschen. Ich will alleine sein. Alleine mit meinen Gedanken. Brauche Stille, Leere, Raum.

Diesmal habe ich es nicht geschafft. Anstatt die Flucht nach vorne, oben anzutreten, die enge Wohnung hinter mir zu lassen und eilenden Schrittes in Richtung Wald zu gehen, bleibe ich zu Hause am Schreibtisch sitzen. Die Wochenzeitung, die ich mir immer kaufe wenn ich mich besser fühlen will, intellektueller, belesener, am Puls der ZEIT, liegt vor mir. Ich ignoriere sie, strafe sie mit Missachtung und schalte lieber meinen Laptop ein. Irgendwie kommt mir das gerade lebendiger und erstrebenswerter vor. Auch Facebook scheint in eine sonntägliche Herbstdepression verfallen zu sein. Kaum Menschen online. Nur die Zeitungen posten fleißig ihre neusten Artikel.

Bei einem Artikel bleibt meine, an diesem Tag kaum vorhandene, Aufmerksamkeit hängen. Es geht um Pfarrermangel, um Kirchenaustritte und einen jungen Mann der sich dazu entschieden hat in einen Orden einzutreten, Regeln zu befolgen, das Zölibat zu ertragen und sein Leben ganz Gott zu widmen. Für mich fühlt sich dies befremdlich an, aber auch faszinierend. Die selbstsicheren Worte verlangen mir Respekt und Bewunderung ab. Nicht der leiseste Zweifel ist aus den Worten dieses jungen Mannes mit dem herzlichen, aber scharfen Blick, herauszulesen. Er scheint sich seines Weges absolut sicher sein, spricht von Hingabe, Liebe zu Gott und all seiner Schöpfung, von Individuen die sich selbst zu wichtig nehmen und einer Gesellschaft die zusehends an Halt und Orientierung verliert. Ich kann nur noch nicken, fühle mich verstanden, abgeholt und beginne weiterzuforschen.

Unzählige Stichwörter jage ich durch die Suchmaschinen, finde Videos, Websites, Texte. Zufällig stoße ich auf den Artikel meiner Autoren-Kollegin Lisa Reifer über das Stift St. Paul im Kärntner Lavanttal, eine wahre Schatzkammer. Ich merke wie meine Gedanken nach Kärnten fliegen, stelle mir vor wie es wohl wäre in einem Kloster zu leben, hinter dicken Mauern, abseits von all dem Stress, der Hektik, dem Leid der Menschen. Abgeschieden in der Stille und doch in einer Gemeinschaft. Der Glaube der den Alltag prägt. Feste Rituale die Tempo herausnehmen, verlangsamen, entschleunigen und die Achtsamkeit schulen. Arbeit mit den Händen. Ich male mir Bilder jenseits der Realität und tief in der Romantik, aber das ist mir in diesem Moment egal. Viel lieber erinnere ich mich an meinen letzten Besuch in der Gegend.

(Süd)Kärnten hatte auf mich schon immer eine besondere Wirkung. Nicht nur, weil ich hier in einige Freundschaften pflegen darf, 2013 das Wunder von Wolfsberg passierte und mich die vielen Seen und die Offenheit der Landschaft so sehr faszinieren, sondern weil die Stimmung der Gegend an keinem anderen Ort Österreichs zu finden ist. Man merkt die Nähe zu Slowenien, einen Austausch zweier Kulturen, zweier Länder. Eine Mischung die Spannung birgt und unendliches Potential für Kunst, Genuss und so viele andere schöne Dinge des Lebens bereithält. Unweigerlich kommt mir Peter Handke in den Sinn. Der streitbare Sprachästhet schöpft seit jeher aus diesem Spannungsfeld, aus dieser unvergleichlichen Mischung.

Mir kommt ein Schmunzeln auf die Lippen. Hat doch mein gedanklicher Exkurs einen realen Hintergrund. Wie ich zwei, drei Klicks später nämlich mitbekomme hat gerade ein Stift, das Stift Griffen, eine dauerhafte Peter Handke Ausstellung zu bieten. Der ganze erste Stock des ehemaligen Prämonstratenser-Chorherrenstift St. Maria im Griffental ist dem berühmten Sohn der Marktgemeinde gewidmet. Es erscheint mir abwegig, dass dies ein purer Zufall sein soll und ich notiere mir in meinem virtuellen Kalender „Peter Handke Ausstellung im Stift Griffen, danach zu Walter nach Wolfsberg“. Ob das noch vor Weihnachten und dem Jahreswechsel etwas wird, da bin ich mir noch nicht sicher.

Nur eines ist sicher. Noch bevor der Winter sich dem Ende neigt, die ersten Knospen sich entfalten, die Grade wieder klettern und die weißen Hauben der Berggipfel sich ins Tal stürzen will ich einmal wieder das Kulturdreieck Südkärnten besuchen, Peter Handke lesen und einen Tag, zumindest im ersten Stock eines Klosters verbringen.