Schlangenbiss am Klopeiner See

Schlangenbiss am Klopeiner See
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Die ersten warmen Tage hatten es bereits in sich. Nicht nur, dass die Temperaturen auf weit jenseits der 25 Grad gestiegen sind. Der Klopeiner See hatte auch schon seinen ersten Skandal, wie mir eine Freundin berichtete. Als sie mir davon erzählte, war sie noch immer geschockt, bleich im Gesicht, um dann vor  lauter Lachen doch noch einen roten Kopf zu bekommen. Die Geschichte begann so.

Eine Frau, Mitte 30, berufstätig, liebt die Sonne, liebt die Wärme und liebt es in der Natur zu sein. Ihr Lebensgefährte ist ein gemütlicher, freundlicher, liebevoller Mann. Er ist umsichtig, verständnisvoll und dieser Typ, der seiner Freundin gerne kleine Überraschungen bereitet. Das soll eine Beziehung ja spannend halten und sie immer wieder neu beleben. Da er mitbekommt wie stressig sie es in ihrem Job hat, dass ihr Chef sie im April mit so viel Arbeit überladen hat, dass sie selten vor 20 Uhr nach Hause kam, will er ihr eine Freude machen. Er weiß, dass sie nicht der größte Freund von Urlaub am Meer ist. Als sie sechs Jahre alt war, ist sie einmal auf einen Seeigel getreten. Das hat ihre Beziehung zum Meer nachhaltig geschädigt. Er will trotzdem ans Wasser und bucht einen Kurzurlaub. Urlaub am See. Urlaub am Klopeiner See.

Das Abenteuer beginnt – von Salzburg in den Süden Österreichs

Freitag Nachmittag. Die beiden steigen ins Auto. Von Salzburg aus werden sie in knappen drei Stunden im Süden Österreichs sein und den Klopeiner See erreichen. Die Fahrt verläuft problemlos. Kein Stau. So langsam kommt Urlaubsstimmung auf. Am Wörthersee halten sie kurz und gönnen sich in der Marché Raststätte Kaffee und Kuchen. Sie sitzen auf der Terrasse und genießen den Ausblick über den gesamten See. Spätestens jetzt verliert sich der Alltagsstress und die Problemchen aus der Arbeit verschwinden aus dem Kopf. So darf ein Kurzurlaub beginnen. Wenig später checken sie in ihrem Hotel in Seelach ein.

Nach einem kurzen „Rasterl“ am Hotelzimmer gehen beide an den See. Auch wenn es schon spät ist – draußen ist es angenehm warm. 25 Grad. Sie flanieren durch das Dorfzentrum. Irgendjemand sagt: „Hier schaut es aus wie in Bibione vor 20 Jahren.“ Jemand lacht. Nach einem kurzen Spaziergang an der Seepromenade finden sie ein schönes Fleckerl, an dem sie verweilen wollen. Die Handtücher werden ausgebreitet, der Picknickkorb abgestellt. Es ist ein idyllisches Plätzchen. Sie sind alleine. Nur sie beide, die Natur, der See, der Blick auf die Berge. Die Sonne steht tief. „Willst du wirklich ins Wasser? Das hat doch keine 18 Grad.“ Natürlich will sie. Schnell fliegt das Frühlingskleid mit dem Blumenmotiv vom Körper. Sie tappst in Richtung See. Der Boden ist noch etwas kalt. Das Gras kitzelt zwischen den Zehen. Vorsichtig nähert sie sich dem Wasser. Erstmal testen. Dann nimmt sie allen Mut zusammen, nur wer wagt gewinnt. Sie schnauft kräftig aus und stürzt sich in das glasklare Wasser. Ihr Lebensgefährte sieht ihr zu. Er hat ein stolzes Lächeln auf den Lippen. Was für eine Frau. Wild. Mutig. Abenteuerlustig. Seine.

Der „Skandal“ vom Klopeiner See – das Schicksal nimmt seinen Lauf

Sie schwimmt. Selig. Glücklich. Spätestens seit sie ganz untergetaucht ist, hat das Wasser sämtliche Anstrengungen, Belastungen und all den Alltagsstress herunter gewaschen. Sie fühlt sich leicht, könnte stundenlang im Wasser schweben. Schwerelos. Zufrieden. Plötzlich spürt sie ein Picksen am Unterschenkel. Dann ein zweites. Fester. Schmerzvoller. Sie hält den Atem an und zieht das Bein heran. In ihren Augen ist Angst. Weg ist die Seligkeit, die Ausgeglichenheit. Sie verliert das Gleichgewicht, beginnt zu rudern, zu strampeln. Ihr Mann ist aufgesprungen und an das Ufer gelaufen. Er schreit ihr etwas entgegen. Doch sie versteht ihn nicht. Viel zu sehr ist sie damit beschäftigt nicht zu viel Wasser zu schlucken und schnell aus dem Wasser zu kommen. Als sie endlich Boden unter den Füßen spürt hat sie nur einen Wunsch. Schnell raus. Schnell zu ihrem Mann. Er empfängt sie mit offenen Armen, will sie beruhigen. Sie schauen auf ihren Unterschenkel. Zwei kleine rote Punkte aus denen Blut rinnt.

„Ein Schlangenbiss. Ein Schlangenbiss“, schreit sie. Er beginnt zu lachen. Sie schaut ihn mit einem Blick der Entrüstung, Unverständnis und Wut vereint, an.  „Schatz. Ich habe dir doch zugerufen. Achtung. Du treibst auf den Baum zu, der seine Wurzeln in den See streckt. Doch du hast mich nicht gehört. Hattest die Augen zu. Das war kein Schlangenbiss, das war der Baum. Der hat vor dir sicher gleich viel Angst wie du vor ihm.“ Langsam kommt die Botschaft seiner Worte bei ihr an. Die Panik weicht. Sie beginnt langsamer zu atmen. Plötzlich ergreift sie die Scham. Ihr Gesicht wird rot und nun muss auch sie lachen. Seit dem Seeigel-Drama geht sie immer gleich vom Schlimmsten aus. Die beiden packen ihre Sachen zusammen, gehen zurück ins Hotel – Erstversorgung. Um diesen Schock zu verdauen, beschließen sie am Abend gut Essen zu gehen. Er will ins Restaurant „Der Hambrusch„. Das war der GenussWirt des Jahres 2013 und er ist bekannt für seine Grillteller. Sie will lieber ins Loving Hut. Dort sei alles 100% vegan.